Das weibliche Gesicht der Revolution – zu den Protesten in Belarus

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Belarus, ein Land, das selbst in den mitteleuropäischen Medien seit letztem Jahr Beachtung gefunden hat. Vorher blieb dieses, wie viele andere osteuropäische Staaten ein blinder Fleck auf der Landkarte, die vielleicht bis Polen und Tschechien reichte, sich höchstens noch nach Kroatien in den Süden erstreckte. Was es in die mediale Aufmerksamkeit rückte, ist eine Reihe an massenhaften Protestbewegungen seit der gefälschten Präsidentschaftswahl im August 2020. Auch, wenn bereits zuvor bei älteren Wahlen immer wieder staatliche Korruption, Wahlbetrug, politische Repressionen und dergleichen innerhalb des Landes und der angrenzenden Staaten eine große Rolle spielten, wurde das Land erst jetzt berühmter, nachdem sich eine Bewegung innerhalb der gesamten Bevölkerung tagtäglich auf der Straße zeigte.

Berichte von Polizeigewalt stehen neben Videos und Bildern einer fast künstlerisch anmutenden Initiative: Weiße Kleider, Blumen, die belarussische Flagge, Folklorelieder erinnern eher an eine pazifistische Unabhängigkeitsbewegung. Ein femininer Protest – eine Bewegung mit weiblichem Gesicht und weiblicher Spitze. Diese versammelt sich um Swjatlana Zichanouskaja, Oppositionskandidatin und Frau des vor der Wahl verhafteten Sjarhej Zichanouski; Maria Kolesnikova, vertretend für den Oppositionskandidaten Viktar Babaryka – verhaftet seit September 2020 und Weranika Zepkala, Frau des Diplomaten und in Russland zur Fahndung ausgeschriebenen Waleryj Zepkala – Unterstützerin und Beraterin des Wahlkampfteams um Svjatlana Zichanouskaja.
Viele komplizierte Namen, komplizierte Vernetzungen und Ereignisse also um den Beginn der Protestbewegung.

Blicken wir also einmal zurück, um den Auslöser und Beginn des Protests anzusehen. Die Ereignisse sind aus der Perspektive einer Einzelperson geschildert, natürlich sind noch weitere Faktoren zu berücksichtigen, wir wollen uns aber, aus Gründen der Nachvollziehbarkeit, auf eine Schilderung fokussieren, geben an entsprechenden Stellen aber weiterführende Links zu Hintergrundinformationen. Hier findet ihr noch eine Videoreihe von arte verlinkt, die verschiedene Perspektiven und Eindrücke dokumentiert, um ein konkretes Bild der Entwicklungen zu erhalten.



Für unsere Reihe FeminEast Friday hat uns Hanna Komar, Gast am Freitag, den 19.03. im stream, einmal die Ereignisse chronologisch geschildert (übersetzt und ausformuliert von CR):

Interview mit Hanna Komar

C.R.: Könntest du skizzieren, wie es zum Beginn der Protestbewegung im August 2020 gekommen ist?

H.K.: Zu Beginn galt die Reaktion der Regierungsbehörden, insbesondere Lukashenkas (Ex-Präsident, CR) auf das Corona-Virus als Auslöser der Proteste. L. machte die Todesopfer selbst für die Erkrankung verantwortlich und nannte als Gründe Vorerkrankungen, Übergewicht etc., bezeichnete das Virus bzw. die Reaktionen darauf als Hysterie und sagte, es könne mit Alkohol und Saunagängen behandelt werden. Gleichzeig gab es einen Mangel an Schutzausrüstung im medizinischen Bereich und die Forderungen zum Schutz des medizinischen Personals wurden
flächendeckend nicht beachtet.

Sjarhej Zichanouski (der mittlerweile inhaftierte Oppositionskandidat, CR) sendete einen Videoblog, in dem er Menschen aus dem gesamten Land, aus Dörfern und Städten über ihre Probleme und Anliegen sprechen lies. Dies war ein großer Auslöser und deckte viele Probleme auf, über die das staatliche Fernsehen nicht berichten würde (das staatliche Fernsehen ist politisch gesteuert, viele unabhängigen Medien der Selbstzensur verpflichtet, CR). Sjarhej Zichanouski hat sich als Oppositionskandidat gegen Lukashenka gestellt und das schien die Menschen zu motivieren.

Anschließend sind Viktar Babaryka und sein Team im Wahlkampf aufgetreten, neben weiteren Initiativen, wie Honest People. Sie haben die Macht von rechtlichen Mitteln betont und wie wichtig es ist, sie zu nutzen. Sie haben gezeigt, dass jeder die Möglichkeit und Verantwortung hat, das System in Belarus zu verändern. Sie haben eine große Kampagne zur noch nie dagewesenen, unabhängigen Wahlbeobachtung geschaltet mit mehreren tausend Wahlbeobachter:innen im gesamten Land. Sie haben Unterschriften gesammelt, dabei mehr und mehr Informationen verbreitet und immer mehr Unterstützer:innen gewonnen. So wurde es (die Unzulänglichkeiten des politischen Systems, CR) etwas, was jeden betraf, etwas Persönliches.

Als die stärksten oppositionellen Kandidaten im Vorfeld der Wahl nicht zugelassen oder verhaftet wurden, vereinte sich ein Team um die Kandidatin Svitlana Zichanouskaja, die dadurch zu einer nationalen Führungsperson wurde. Menschen trugen weiße Armbänder, um ihre Unterstützung der Kandidatin zu zeigen und versammelten sich zu spontanen Kundgebungen und Demonstrationen mit tausenden von Menschen, sogar in Kleinstädten, alleine mit 60000 Personen in Minsk.

Im Vorfeld der Wahlen am 09. August wurden die unabhängigen Wahlbeobachter:innen nicht in die Wahllokale gelassen, attackiert und sogar festgenommen. Am Wahltag selbst, mit massenhafter Beteiligung, lächelten die Menschen sich an, zeigten ihre weißen Armbänder etc. Alle hatten die Hoffnung, dass sie zeigen konnten, dass sie die Mehrheit waren. Millionen von Menschen. All diese Stimmen wurden missachtet, als der gefälschte Wahlsieg Lukashenkas verkündet wurde.


Diese Skizze der initialen Ereignisse des Protests sind Ausgangspunkt für ein Gespräch über das Format der Protestbewegung in Belarus, das am Freitag, den 19.03.2021 um 19 Uhr als live stream stattfindet.
Die Proteste dauern immer noch an, es wird nach Strukturen, Lösungen, Unterstützungen und Netzwerken gesucht. Nach zunehmender Polizeigewalt ist vor allem das Durchhaltevermögen der Bürger:innen erschöpft, es fehlt an zentralen Führungsrollen, die den Repressionen standhalten können.
Die vielen Facetten von protestierenden Menschen stehen im Mittelpunkt des Gesprächs. Wie wirkt dieses “weibliche Antlitz”, die Revolution mit weiblichem Gesicht? Welchen Antrieb verspüren die Menschen in Belarus und auch außerhalb, um sich an den Protesten zu beteiligen, sich zu solidarisieren? Und zuletzt, was ist bislang erreicht worden und in welchen Bereichen kann man selbst aktiv werden, um das Bestreben zu unterstützen? Auf diese Fragen antwortet Hanna Komar, Literatin, Aktivistin, Poetin.


Weiterhin werden wir Anfang April von einer Expertin nochmals Einblicke in die Symbolik der Proteste in Polen und Belarus erhalten. Auch hier erwarten uns spannende Ausführungen in kurzen Vorträgen (ca. 20 Minuten) im stream zu der Herkunft und Bedeutung der Farben, Parolen, Symbole, die in den Demonstrationen zu finden sind. Schaut also auch hier rein, wenn euch das Thema interessiert!



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