Nachtasyl

Im Frühjahr 2019 | Termine folgen

und werden hervorgehen, die da Gutes getan haben, zur Auferstehung des Lebens.
Johannes 5.29

In der 1902 erschienen Milieustudie „Nachtasyl“ (im Original „На дне“ – am Boden) lässt Gorki Stimmen aus der untersten Schicht der Gesellschaft – dem Randbereich, der Ungehörten und Ungesehenen – sprechen und beschreibt detailliert die Umstände, Verhältnisse und alltäglichen Erfahrungen in einem Obdachlosenhaus. Dieses Haus wird zum Treffpunkt von Menschen, die es wert sind, angehört zu werden. Sie stellen keinerlei Ansprüche an die Gesellschaft außerhalb ihres Milieus, die Darstellung ihrer Probleme und Anliegen ist nicht als Anklage der übrigen Welt zu verstehen. Vielmehr sind es die Banalitäten des Alltags, mit deren Schilderung Gorki diese „Gescheiterten“ wieder als Teil der Gesellschaft zu integrieren versucht.

Erzählungen gescheiterter Biographien, Intrigen, Konflikte und deren Beilegung zwischen den Erwerbslosen, Säufern, Spielern und Kleinkriminellen: Das alles spielt sich im Nachtasyl auf engstem Raum ab. Die einzelnen Charaktere werden nicht isoliert betrachtet, sondern gehen als Gruppe – wenn auch jeder auf seine Weise – dem eigentlichen Sinn ihrer Existenz auf den Grund.

Als ein Pilger in die Unterkunft kommt, sind alle hingerissen davon, was man alles unter dem Begriff Nächstenliebe verstehen kann. Doch bringt diese etwas, wenn nicht alle danach leben?

Sobald die Weisheiten des Pilgers hinterfragt und als Lügen enttarnt werden, glaubt keiner mehr daran, sich durch Eigeninitiative retten zu können.

Und so beginnt für die Perspektivlosen die Suche nach Antworten wieder von vorne. Sie versinken erneut in der Tristesse ihrer Umgebung und versuchen, sich mit Prügel, Sauferei und Kriminalität davon abzulenken. Unmut und Aggression steigern sich noch weiter, es kommt zum Eklat.

Manche sehen weg, andere werfen den Armen im Vorbeigehen ein paar Münzen zu, um sich als gute Menschen und Samariter zu präsentieren. Doch kaum einer befasst sich mit den Geschichten der Obdachlosen und fragt sich, wie und warum diese aus dem Raster des sozialen Gefüges gefallen sind.

Nachtasyl“ versucht nicht, die Angehörigen dieses Randmilieus zu belehren, sondern das Werk will die Angehörigen der übrigen Gesellschaft dazu bringen, die Schicksale Obdachloser aus der Nähe zu betrachten und sich der eigenen Verantwortung bewusst zu werden.