Fjodor M. Dostojewskij. Leben, Werk, Dämonen.

12. & 14. März ’19 | 28., 29., & 30. Mai ’19 | Haas-Säle Bamberg


„Vom Dämonischen, so fühle ich, soll man dichten, nicht schreiben.“ Thomas Mann hatte so seine lieben Probleme, die Scheu vor Dostojewskij, der ihm Verbrecher und Heiliger zugleich war, abzulegen und ihn nüchtern zu betrachten. Schließlich hatte Fjodor M. Dostojewskij in seinem Leben nicht nur einige große Romane über Verbrechen und Strafe, Gott und immer wieder den dazwischen geworfenen Menschen geschrieben, sondern auch einigen Stoff dafür geliefert, dass man auch in ihm die Größe sieht, die er seinen Figuren verliehen hat. Stefan Zweig enthob Dostojewskij gleich ganz der irdischen Sphäre: „Durch diese sinnvolle Grausamkeit wird Dostojewskijs Leben zum Kunstwerk, seine Biographie zur Tragödie.“

Geboren 1821 in Moskau, aufgezogen in schwierigen Verhältnissen von einem noch schwierigeren Vater – er wird später von seinen Leibeigenen ermordet –, dann Ingenieurschule der Militärakademie und ab 1844 widmet er sich endlich alleine der Schriftstellerei. Sein erster Roman „Arme Leute“ ist der ersehnte Erfolg, an den er immer wieder anknüpfen will. Er überwirft sich mit dem Kritiker und Förderer Belinskij, schreibt für Zeitschriften und tritt den Petraschewzen bei, einem Kreis mindestens Liberaler, wenn nicht Revolutionärer. 1849 wird Dostojewskij mit anderen Mitgliedern verhaftet und zum Tod verurteilt: eine Farce, denn das Urteil sollte nie vollstreckt werden. In der letzten Sekunde wird die Begnadigung ausgesprochen und in Zwangsarbeit in Sibirien umgewandelt.

Über zehn Jahre bleibt Dostojewskij ein Ausgestoßener der Gesellschaft, erfährt das Leben in Kellerloch und Totenhaus. Das einzige Buch, das er bei sich haben durfte, war die Bibel. Kaum ist er zurück in St. Petersburg, gründet er mit seinem Bruder eine Zeitschrift und versucht, an die frühen Erfolge anzuknüpfen. Und das, ohne seine an höherer Wahrheit ausgerichtete Moral aufzugeben. Die Zeitschrift geht ein, seine Frau stirbt, ebenso sein geliebter Bruder. „Dostojewskij ist ein Autor der Krise“, beginnt Dostjewskij-Biograph Andreas Guski seine Studie.

Nach kürzeren Romanen hat Dostojewskij die Form gefunden, die ihn berühmt und zum beliebten Gegenspieler Tolstois und Turgenjews machen wird. „Schuld und Sühne“, „Der Idiot“, „Die Dämonen“, „Ein grüner Jüngling“ und „Die Brüder Karamasow“. Der amerikanische Romancier David Foster Wallace schreibt über Dostojewskij: „Für mich ist das wirklich Auffällige an Dostojewski nicht einfach seine Genialität, sondern seine Tapferkeit. Er machte sich zwar ein Leben lang Sorgen um seine literarische Reputation, er verbreitete aber auch sein Leben lang unmodische Sachen, weil er an sie glaubte.“ Einem Kritiker der postmodernen ironischen Gesellschaft muss Dostojewskij als ausgezeichnetes Role Model“ vorgekommen sein.

Was auf der anderen Seite nicht heißt, dass Dostojewskij selbst ein Heiliger war. Im Gegenteil: Eitel, arrogant, böse und egoistisch war er, spielte und verspielte das Geld seiner zweiten Frau, litt wegen zunehmender epileptischer Anfälle unter Todesangst, verkaufte seine Bücher, also seine Seele an gierige Verleger und verzockte die Vorschüsse im verhassten Europa – lieferte aber immer ab. Auch 1871 „Die Dämonen“, obwohl er in einem Brief schrieb: „Nicht weniger als zehnmal habe ich den Gesamtplan geändert.“

Es wurde ein Buch der Revolte, in dem es um Nihilismus, Revolution, Gott und die Frage nach dem Ursprung menschlicher Besessenheit geht. „Eine Prophezeiung? Eine Utopie? Eine konkrete Möglichkeit, Faschismus und Stalinismus zu überwinden?“, fragt Luise Rinser. Inspiriert von terroristischen Akten Sergej Netschajews ist das Buch wahlweise als Beschreibung von Terror und Totalitarismus im 20. Jahrhundert interpretiert worden, von Gorki als „krankhaft böses Buch“ bezeichnet und in der Sowjetunion verboten. Für die einen eine erzreaktionäre Kampfschrift, für die anderen eine prophetische Vision. Ein Buch also wie Dostojewskijs eigenes Leben und Leiden, voller menschlicher Zweifel und Leidenschaft. 1881 starb Dostojewskij, nicht ohne im Vorjahr noch Turgenjew mit seiner Puschkin-Rede in die Schranken zu weisen und damit erst seinen Ruhm in Russland und der Welt zu begründen. So schrieb Dostojewskij am Vorabend seiner Rede an einen Freund: „Morgen findet mein eigentliches Debüt statt.“